Das Erinnerungsmonopol

Sarajevos bekanntestes Kriegsmuseum wird privat verwaltet

von Cornelia Kästner, 05.07.2010

Das Erinnerungsmonopol
Blick in den Tunnel (Foto: Cornelia Kästner)

Die Belagerung der bosnischen Stadt Sarajevo ist die längste in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Drei Jahre war die Stadt eingeschlossen. Treibstoff, Lebensmittel, Munition und sogar Strom bekam sie über einen 800 Meter langen Tunnel, der die Eingeschlossenen mit der Außenwelt verband. Dessen Reste sind heute ein Museum – das ohne offizielle Unterstützung von einer bosnischen Familie betrieben wird.

Das Haus der Kolars fällt auf in dem gepflegten Vorort von Sarajevo: Die Fassade zerschossen, Sandsäcke vor dem Kellerfenster, von einem kaputten Balkon weht die blaugelbe bosnische Fahne. Darunter ein Brettervorbau: Der Eingang zum „Tunnelmuseum“.

Wer den dunklen Verschlag betritt, macht eine Zeitreise von 18 Jahren. Sarajevo wurde damals von serbischem Militär belagert. Lediglich der „Tunnel der Rettung“ verband den durch serbische Streitkräfte belagerten Teil der Stadt mit der angrenzenden Vorort-Gemeinde Butmir, die nicht belagert war.

„Wer den Tunnel nicht gesehen hat, kennt Sarajevo nicht“, ist Edis Kolar überzeugt. Der selbsternannte Kustos des Museums sitzt auf einer Munitionskiste am Hauseingang und unterhält sich mit den Führern der Touristengruppen. „Ohne den Tunnel würde Sarajevo heute nicht mehr existieren. Das ist ein Stück Weltgeschichte.“ Für Kolar ist der Tunnel ein Stück Lebensgeschichte. Der Ausgangsort in Butmir ist sein Geburtshaus.

Logistische Meisterleistung

Drei Jahre lang, von 1992-1995, riegelten serbische Milizen Sarajevo ab und beschossen seine Bevölkerung aus den umliegenden Bergen. Nur der von der UN kontrollierte Flughafen verhinderte, dass der Belagerungsring völlig geschlossen wurde. Doch aufgrund des Abkommens zwischen den UN- und den serbischen Streitkräften durfte der Flughafen ausschließlich von den Vereinten Nationen genutzt werden. Für die eingeschlossenen Bosniaken war der Weg über die Rollbahn in die von bosnischen Truppen kontrollierten Gebiete versperrt. Das Flughafengelände war für die serbischen Heckenschützen bestens einsehbar, nachts wurde es von Scheinwerfern beleuchtet.

1993 beschloss das bosnisch-muslimische Militär, unter dem einige hundert Meter breiten Rollfeld einen Tunnel zu graben. Logistisch eine Meisterleistung: Vier Monate lang wurde von zwei Seiten aus geschaufelt, das Grundwasser und der Erdaushub mit Eimern heraus getragen - trotz Artilleriebeschuss. Mitte 1993 wurde die Lebensader der belagerten Stadt fertig gestellt, 800 Meter lang und gerade 1,50 Meter hoch. In manchen Nächten durchquerten 4.000 Menschen die niedrige Passage, im oft knietiefen Wasser, beladen mit Munition oder Lebensmitteln.

Erinnern fällt noch heute schwer

Edis Kolar war damals 17 Jahre alt und mit seinem Vater Soldat in der bosnisch-muslimischen Armee. Sich daran zu erinnern findet er notwendig und schwierig zugleich. „Genau hier hat eine Granate neun Menschen getötet, die in den Tunnel wollten“, sagt Kolar und weist auf den Boden vor sich. „Alles war rot, und voller Körperteile…es ist nicht leicht, darüber jeden Tag zu sprechen.“

In dem Museum erwarten den Besucher mehrere Räume mit Militärausrüstung, Öfen aus Kochtöpfen, außerdem tarnfleckige Liegen auf Schienen und ein gepolsterter Stuhl, in dem Verwundete transportiert wurden. Kolar hat darauf den bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic durch den Tunnel geschoben. Heimkinos und Fernseher zeigen Filme aus der Kriegszeit. Die Schussgeräusche von den Bildschirmen liefern akustische Eindrücke.

Obwohl ganz Sarajevo von dem Tunnel wusste, dementierten die UN seine Existenz. Anekdoten erzählen, die Internationalen hätten stets vom „nichtsexistenten Tunnel“ gesprochen. Dabei habe man in der Stadt sofort gesehen, wer den Tunnel nutzt – viele hatten sich den Kopf angestoßen und trugen Verbände.
Haus der Familie Kolar, das heute das Tunnelmuseum beherbergt. (Foto: Tatjana Brode)
Ein Denkmal in privater Hand

Zwei Jahre sicherte der Tunnel das Überleben der Stadt. Nach dem Friedensabkommen von Dayton 1995 gab es kein Geld, ihn zu erhalten, ohne Wartung stürzte die Passage bald ein. Heute stehen nur noch die 20 Meter am Haus der Kolars, die die Familie auf eigene Kosten erhalten hat. Nach dem Krieg begann Edis Kolar, Militärgegenstände und Ausrüstung zu sammeln und in seinem Elternhaus ein Museum einzurichten.

Inzwischen lebt die ganze Familie von den Touristen. In der Ausstellung hängen Bilder von Hollywoodstars und Politikern, die das Museum besucht haben. Bosnische Besucher zahlen keinen Eintritt. „Ich würde mich schämen, von ihnen Geld zu nehmen“, sagt Edis Kolar. „Es kommen sowieso wenige, die meisten möchten diese Zeit vergessen.“

„Sagen sie es ihm nicht, aber ich glaube, er hat hier ein Monopol“, meint Senan, Student und Stadtführer. In Sarajevo gibt es kaum Hinweise auf den Gedenkort. „Das Museum fällt in den Zuständigkeitsbereich des Kantons“ bescheidet die Sprecherin der Stadt. Kolar zufolge hat man ihm dort finanzielle Mittel für das Museum verweigert. „Kulturpolitik ist hier politisch“, erklärt er. Will heißen: Entscheidungen zu Denkmälern müssen von Serben, Kroaten und Muslimen gemeinsam gefällt werden. Am Erhalt des Tunnels sind aber nicht alle interessiert.

Adresse des Museums:

Tuneli 1, Ilidža. Sarajevo, Bosnia and Herzegovina

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Autor

  • Cornelia Kästner

    Cornelia Kästner
    Seit 1999 als Journalistin tätig, seit 2000 u.a. mit dem Schwerpunkt ehemaliges Jugoslawien. Ich habe Südslavistik und Journalistik in Berlin und Zagreb studiert, zwischendurch zwei Sommeruniversitäten im Kosovo verbracht und Projektarbeit in Bosnie [...]